Teil 1

 Bandgründung

 

Rolf

November ’89 in Köln, Mülheimer Freiheit.
Draussen ist es kühl und neblig. Die beste Zeit also, sich auf einer WG Party gemütlich volllaufen zu lassen. Bässe dröhnen aus den Boxen.
Die unüberschaubare Zahl der Gäste tanzt und feiert. Was eigentlich? Egal.
In dieser Nacht stoßen Gerd Krieger, Rolf Steinmetz und Frank Pfützenreuter aka ‘Pfütze’ erstmals aufeinander, um einen dramatischen Entschluss -dessen Tragweite niemand von den Dreien zu diesem Moment richtig einschätzen kann, in aller Konsequenz umzusetzen: ‘Wir gründen eine Band!’

 

Rolf & der Krieger live

 

Eine fantastische Idee, die an jenem Abend mehrfach und ausgiebig begossen wird.
Endlich raus aus dieser Scheiß-Normalität zwischen unbezahlten Rechnungen, Bewerbungen schreiben, Zahnschmerzen und die letzte Bahn verpassen.
‘Das ist so wie Mercedes fahren.’ Aber keine alte Schrottmöhre. Nein.
Das ist der 600er Pullman unter den vielen tristen Lebensentwürfen. Prost!

 

Udo the drummer

Alles was noch benötigt wird, ist plötzlich blitzschnell am Start.
Ein Proberaum mit fetter Anlage, ein Kasten Bier und die Einladung an den Schlagzeuger, der in Köln den Ruf hat ‘den meisten Wumms in den Knochen’ zu haben: Udo Modro.

Nicht zuletzt für seine Vorliebe für das Spiel von Bozzio, Bruford oder Earl Hudson, passt Udo einfach perfekt in den aristokratischen Kreis.

 

 

Bei der ersten Bandprobe wird sofort klar: ‘Das ist genau unser Ding.’
‘Graf Koks’ ist geboren!

Von nun an geht alles sehr schnell. Die ersten Gigs in den Kneipen kommen rein und ein megafetter Open Air Auftritt im Sommer ’90 ist bereits fest verbucht.

 

Erstes offizielles Pressefoto

Alles selber machen

Tja, was macht man in den 90ern ohne Plattenvertrag und Promoabteilung?
Man nimmts selbst in die Hand, versorgt die örtliche Presse mit Infos und kündigt die Konzerte mit selbst entworfenen Plakaten an.

Wobei das konventionelle Plakatieren á la ‘Dürfen wir bei euch in der Kneipe ein Plakat aufhängen?’ den Grafen schnell langweilig wird.
‘Damit erreichen wir einfach nicht die Zielgruppe und sind nicht breit genug aufgestellt.’ waren die betriebswirtschaftlichen Überlegungen, die dazu geführt haben ab nun nur noch wild zu plakatieren.
Das ist spannend und besitzt -je nach Platzierung- einen enorme Strahlkraft!

Ziel Nummer 1 ist die Sparkasse. Da gibts doch einen Kundenparkplatz am Wiener Platz mit großen Parkschildern, die zufällig das richtige Layout für das Plakat haben.
Kurz überlegt und sofort gehandelt: alle Schilder zugeklebt.
Ziel Nummer 2 sind die Ortsschilder. Wer guckt da schon drauf? Mülheimer Brücke, Innenstadt zugeklebt mit ‘Graf Koks …is König’ Plakaten mitsamt Auftrittsort, Datum und Uhrzeit… das war der Fehler.

Rückblickend betrachtet war die Aktion dann doch sehr kostspielig, weil die Grafen für die Beseitigung der Plakate und die darauffolgenden Anzeigen zur Kasse gebeten wurden. Nichtsdestotrotz sahen sie es als wichtige Investition für eine ruhmreiche Zukunft.

Die ersten Gigs

 

der Pfütze

Pfütze beschließt sein Studium zu schmeissen, sein ‘bürgerliches’ Leben hinter sich zu lassen und mit Gerd und Rolf ein kleines Häuschen in Köln Poll mit Kellerbar (die sich mir nichts dir nichts in einen Proberaum umfunktionieren läßt) zu bewohnen.
Selbstverständlich ohne Mietvertrag.

 

 

Wo denn?

Strom und Wasser werden irgendwie finanziert.
Gearbeitet wird in irgendwelchen Gelegenheitsjobs auf Messen, Baumärkten, als Kurierfahrer… Aber maximal drei mal pro Woche – mehr geht leider nicht.
‘Schließlich machen wir Musik!’ – Wer brauch da schon einen festen Job?
Mercedes fahren eben.

 

Rock aff Müllem Open Air

 

Der Kölner Sommer ’90 ist einfach fantastisch!
Alles ist möglich, alles kann – nix muß!
Einfach mit einer Flasche Reißdorf in der Hand durch den lauen Sommerabend in den Proberaum spazieren und am Set für das bevorstehende große Open Air auf der Schääl Sick im Kölner Jugendpark tüfteln. Ist man am Ende dann erschöpft, brauch man nur leicht angeheitert die Treppe hoch, am Kühlschrank vorbei in die Kiste zum pennen. Keine Bahn, kein Auto, kein Taxi waren nötig. Ein höchst feudaler Lebensstil – perfekt für die Grafen.

Shami Ebrahimzadeh

Für die Show haben die Grafen eine gute Freundin engagiert: Shami Ebrahimzadeh -ihres Zeichens persische Prinzessin und Bauchtänzerin -machte den ersten Auftritt auf einer 30m breiten Open Air Bühne perfekt.

Der Gig selbst ist wie ein rauschendes Fest bei Hofe bei den Grafen. Es macht schließlich jedem Musiker eine große Freude, seinen Sound auf einer 40 kw PA in die Welt hinaus zu trällern.

 

ein paar Bilder vom ‘Rock aff Müllem’ – Open Air

Ab ins BEX Studio

 

Auf einem ihrer Konzerte werden die Grafen auf ein interessantes Projekt von Frank Reimann von Fair Records angesprochen, ob sie nicht mal Lust hätten ein Stück über Ausgrenzung und Vorurteile bzgl. Aids zu schreiben.
Die Idee gefällt ihnen spontan wunderbar und sie lassen brachiale Gitarren auf spießig bürgerliche Einfaltspinsel herunterkrachen:
Der ‘Sachbearbeiter Boogie’ entsteht maßgeblich beeinflusst von einem Zitat einer Sachbearbeiterin beim Arbeitsamt in der Luxemburger Straße, die vor lauter EDV Abenteuer nicht mehr ans Telefon geht:

“Ich bin in der Neueingabe und die Tür geht auf und zu. Ich kann für sie nichts tun, denn die Tür geht auf und zu und ich bin in der Neueingabe.”

Was für ein toller Satz!

Spiegelt in dieser affirmativen Form das ganze Dilemma wider.
Claudia Keul – eine bekannte Kölner Sängerin – schließt sich spontan für den weiblichen Part in dem Song den Grafen an und so geht es ab zu Hanno Kahl ins BEX Studio für die Aufnahmen.

Artists against Aids Sampler – Sachbearbeiter Boogie

Der Krieger is wech…

Eines späten Abends in der Mülheimer Vielharmonie offenbart Gerd der Band, daß er nun andere Pläne hätte. Er steigt zum einen bei uns aus und zum anderen bei einem neuen Musiksender in Köln ein. 1993 wird VIVA gegründet und schnappt uns unseren Gitarristen vor der Nase weg, damit er in Zukunft zusammen mit Phil Daub das Magazin ‘Wah Wah’ moderiert.

Zudem steigt er in die Combo von Nilz Bokelberg ‘Fritten und Bier‘ ein und haut fortan dort – weit weg von den Grafen – in die Saiten.
Graf Koks ist jetzt ein Trio.

Graf Koks als Trio

 

Kölsch meets Kebap

 

Graf Koks kann auch Woodstock. Im Frühjahr ’93 sitzen die Grafen bei einem lecker Kölsch in ihrer Stammkneipe im Mülheimer Veedel, der “Vielharmonie”, bei ihrem Wirt Curt Rosenbaum (+) und schwadronieren über die aufkommende, rassistische Gewalt gegen Flüchtlinge. Erschienen die ersten Brandanschläge noch weit weg im abgedunkelten Teil Deutschlands, mit Städtenamen wie Hoyerswerda oder Rostock (die allein für sich genommen schon ziemlich gruselig klingen), so wurde mit dem Anschlag in Solingen allen klar: Das Problem rückt immer näher!

Komisch nur, daß es in Köln immer anders läuft als im Rest der Republik.

Hier hält man irgendwie zusammen. Egal, wo man herkommt – egal, ob klein, groß, schwarz oder weiß. Und die schönste Art dieses Lebensgefühl in Köln auszudrücken, ist und bleibt nun mal das Strassenfest. Aber eben auf kölsche Art!
Das heißt: Fette Bühne mit guten Acts, lecker Essen und ein schöner Bierwagen.

Gesagt, getan. Die Grafen und Kurt planen ein Mini – Woodstock auf der Mülheimer Freiheit: “Kölsch meets Kebap”.

Das Bühnenprogramm im internationalen Rahmen, mit türkischer Rockmusik, Ska, persischer Folklore, deutsch/türkisch/italienischem Hip Hop, Crosssover und Singer Songwriter war ganz nach dem Geschmack der Grafen.
Fehlten eigentlich nur noch das Essen und das Kölsch.

Karl-Heinz Schmalzgrüber (+)

Da aber in Köln der Klüngel eben wunderbar funktioniert, holen sich die Grafen für das leibliche Wohl den besten Kebap Spezialisten von der Keupstrasse ‘Mevlana’ und den Chef der Küppers Brauerei Karl-Heinz Schmalzgrüber (+), seines Zeichens Bezirksbürgermeister von Köln Mülheim, ins Boot.

Für die Promo und die Plakate helfen den Grafen die Kölner Antifa, insbesondere der Pitter. Während man ja heutzutage versucht, die Antifa in eine terroristische Ecke zu drängen, können wir nur Gutes über sie berichten. Die haben alle einen festen Platz im Herzen der Grafen.

Pfuetze raucht sich eins

Es wurde ein rauschendes Fest! Ein schöner Sommertag bei bestem Wetter und Sound vom Feinsten. Allen Beteiligten und Sponsoren an dieser Stelle noch mal ein dickes, fettes:
Danke vun Hätze!

Kölsch meets Kebap – Open Air

Mevlana, Küppers-Brauerei, Ali Karatas, Shami Ebrahimzadeh, Banana Peel Slippers, Ali Dogan, Sarach & Düse, T.C.A., Music City, Spex, Hört Hört, Stadt Revue…

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